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MIT! - Vorüberlegungen zur Etablierung einer partizipativen Schulkultur

Was ist Partizipation?

[lat. participare - teilnehmen]

In demokratischen Staaten die freiwillige Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am politischen Leben im weitesten Sinne, um dadurch Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen. Partizipation kann auf vielfältige Weise erfolgen: Hierbei kann es sich sowohl um konventionelle bzw. verfasste Formen der Partizipation wie die Beteiligung an Wahlen handeln als auch um unkonventionelle bzw. nicht-verfasste Formen wie etwa die Teilnahme an Protestaktionen, Aktionen des zivilen Ungehorsams, Unterschriftensammlungen etc .

(Quelle: Thurich, Eckart: pocket politik. Demokratie in Deutschland. überarb. Neuaufl. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2011. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/pocket-politik/16528/partizipation/ und BJK 2009)

Partizipation ist ein Kinderrecht. In Artikel 12 der Charte der Kinderrechte heißt es: „Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich seine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife.“ Es geht also weniger darum, ob sondern mehr darum, wie Partizipation an Schule umgesetzt werden kann. 

Hierzu ist es wichtig, dass die ganze Schule sich auf den Weg macht. Die folgenden Reiter geben einen kleinen Einblick in verschiedene Vorüberlegungen zur Etablierung einer partizipativen Schulkultur.

Rechtliche Vorgaben

Laut Beschluss der Kultusministerkonferenz (vgl. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 06.03.2009 i. d. F. vom 11.10.2018) soll Partizipation ein zentrales Prinzip in Unterricht und Schulleben sein. Politische Bildung und praktische Beteiligung sollen an allen bayerischen Schulen aktiv gefördert werden (vgl. Gesamtkonzept für die Politische Bildung an bayerischen Schulen, KMBek vom 16.08.2017). 

Hilfreiche Definitionen

Der Begriff Partizipation ist vor allem im schulischen Kontext gekennzeichnet durch Vieldeutigkeit und Unschärfe. Im Folgenden werden die Begriffe Partizipation und Beteiligung synonym verwendet und für den Bereich der Schule näher erläutert.

Wedekind und Schmitz definieren schulische Partizipation folgendermaßen: „Wenn wir von Partizipation in der Schule reden, so meinen wir, dass hier Individuen oder Gruppen von Individuen freiwillig aktiv werden mit dem Ziel, eine Situation oder einen Sachverhalt, von dem sie betroffen sind, zu verändern bzw. zu verbessern.“ (Wedekind/Schmitz o.J., S. 11/12)

Straßburger und Rieger (2019, S.230) legen ihren Fokus noch stärker auf das Ergebnis von Mitbestimmung und stellen ihre planvolle Umsetzung in den Vordergrund: „Partizipation bedeutet an Entscheidungen mitzuwirken und damit Einfluss auf das Ergebnis nehmen zu können. Sie basiert auf klaren Vereinbarungen, die regeln, wie eine Entscheidung gefällt wird und wie weit das Recht auf Mitbestimmung geht.“

Rolle von Partizipation an der Schule

Partizipation an Schule muss mehr beinhalten, als nur an etwas teilzunehmen. Sie sollte die Chance auf Veränderung und Selbstwirksamkeit in sich tragen. Im besten Falle machen alle Schülerinnen und Schüler während ihrer Schulzeit regelmäßig Beteiligungserfahrungen und gestalten das Unterrichts- und Schulleben aktiv mit. Dieses Recht sollte nicht einigen wenigen vorbehalten sein.

Was subsummiert sich unter dem Begriff Partizipation an Schule?

  • Partizipation als Ziel von Bildung beschreibt weniger eine politische Partizipation im engeren traditionellen Sinne als vielmehr die Integration politischer, aktiver und sozialer Aspekte gesellschaftlicher Teilhabe.
  • Partizipation umfasst neben politischer Mitbestimmung auch die Übernahme von Verantwortung für das Gemeinsame durch aktive Mitgestaltung und impliziert soziale Zusammenschlüsse, Kooperationen und Aushandlungsprozesse mit anderen Menschen und heterogenen Gruppen. Eikel (2016)
  • Partizipation im schulischen Kontext subsummiert direkte Formen von Beteiligung, die es den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen und diese aktiv mitzugestalten
  • Partizipation kann unterschiedliche Ausmaße annehmen: Mitsprache, Mitbestimmung, Mitentscheidung, Mitgestaltung, Eigenverantwortung …
  • Partizipation kann kategorisiert werden: Punktuelle Beteiligung, Repräsentative Formen, Offene Versammlungsformen, Projektorientierte Verfahren der Partizipation, Alltägliche Formen der Partizipation, Medienorientierte Beteiligung, Wahlrecht etc. (Schnurr 2001; nach Urban 2005)

Partizipation als Motor der Persönlichkeitsentwicklung

Demokratiebildung (Partizipative Methoden, Service-Learning, Philosophieren mit Kindern etc.) fördert die sozial-emotionale Entwicklung (Stärkung der Persönlichkeit, Werteorientierung, soziale Kompetenz) und legt die Grundlage für politisch-demokratisches Wissen und Interesse. Demokratiepädagogische Maßnahmen haben außerdem positive Effekte auf Einstellungen und Motivation sowie kognitive Entwicklung. So üben Kinder bei der Teilhabe an partizipativen Prozessen vielfältige fächerübergreifende Kompetenzen wie beispielsweise:

• Lesen, Zuhören, Nachfragen

• Ordnen, Bewerten, Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden 

• eigene Bedürfnisse und Fähigkeiten kennen

• Argumente formulieren, eigene Position darstellen und begründen 

• verschiedene Perspektiven berücksichtigen, sich in andere einfühlen

• mit anderen konstruktiv zusammenarbeiten 

• ausdauernd ein Ziel verfolgen

• mit Kritik und alternativen Lösungsvorschlägen umgehen

Partizipation als Motor für Schulentwicklung 

Im Zuge des Schulversuchs Mitdenken! Mitreden! Mitgestalten! (MIT!) – SMV an Grundschulen“ haben Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Kontexten gezeigt, dass sie hinsichtlich vielfältiger Frage- und Themenstellungen gemeinsam mit Verantwortlichen kreative Ideen und Lösungen finden und Entscheidungen treffen können. Diese Entscheidungs- und Lösungsfindung unter Einbeziehung möglichst vieler an Schule Beteiligter und ihren vielfältigen Anregungen und Meinungen kann die Verantwortlichen an der Schule entlasten und ist nachhaltiger, da sie durch viele Mitglieder der Schulgemeinschaft legitimiert ist. 

Partizipation als Motor für die gesellschaftliche Entwicklung 

Eine demokratische Gesellschaft lebt von Menschen, die sich einbringen und daran glauben, dass ihre Stimme und ihr Engagement einen Unterschied machen. Wenn Schülerinnen und Schüler bereits von klein auf erfahren und erleben, dass sie den umgebenden Bedingungen nicht ausgeliefert sind, sondern dass sie durch Beteiligung etwas verändern können, werden sie auch als Erwachsene eher an ihren Einfluss und ihre Selbstwirksamkeit glauben. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie sich aktiv politisch engagieren, Zivilcourage zeigen oder sich für gesellschaftlich relevante Ziele einsetzen und so dazu beitragen, dass Demokratie gelingt. Demokratielernen steigert, wie verschiedene Studien belegen, das Vertrauen in demokratische Prozesse, festigt das Gerechtigkeitsempfinden und bereitet damit auf die Rolle als mündige Bürgerinnen und Bürger vor. Lehrkräfte haben hierbei eine zentrale Aufgabe, die der Soziologe Oskar Negt in wenigen Worten sehr eindrücklich zusammenfasst: „Ich glaube, dass Bildung unter unseren Verhältnissen deshalb eine existentielle Notwendigkeit hat, weil Demokratie die einzige Staatsform ist, die gelernt werden muss“ (zitiert nach Gasteiger/ Gloe 2021, S.1).

Partizipation an Schule kann auf verschiedenen Wegen ermöglicht werden, die von den Schulen im MIT!-Schulversuch in vielfältiger Weise beschritten und evaluiert wurden. Angelika Eikel (2016, 171) unterteilt in folgende verschiedene Ausgestaltungsformen von Partizipation an Schule:

  • formale/repräsentative Formen: Formale Gremien wie Klassensprecherinnen und Klassensprecher, Schülervertretungen, Schüler- und Jugendparlamente bzw. Schüler- oder Jugendräte etc.
  • offene/basisdemokratische Beteiligungsformen: Foren, Runde Tische, Versammlungen und basisdemokratische Konferenzen wie auch Klassenräte und Aushandlungsrunden
  • projektorientierte Formen: Zeitlich begrenzte, ergebnisorientierte und auf bestimmte Themen fokussierte Arbeitsformen wie z.B. Zukunftswerkstätten, Beteiligungs- und Planungszirkel oder in einer institutionalisierten Form auch entsprechend projektorientiert arbeitende Arbeitsgruppen, Schülerinitiativen oder auch Schülerfirmen.

Darüber hinaus ergänzt Eikel in Rückbezug auf Duerr 2004 folgende Formen von Partizipation:

  • “problem-solving participative approaches”: Beteiligung in Form von Streitschlichtung, Konfliktlotsen, Mediation, aber auch Hausaufgabenhilfen und Mentorensysteme, etc.
  • “simulation games on participation”: Rollenspiele und Simulationen, bei denen auf spielerische Weise politische Rollen und demokratische Kommunikationsformen auch unter Einsatz von Medien eingeübt werden sollen.

Kompetenzen und Voraussetzungen auf Seiten der Verantwortlichen

Partizipative Haltung von Schulleitung und Lehrkräften

Für das Gelingen von Partizipation spielen die Menschen eine bedeutsame Rolle, die sich diesem Prozess annehmen, für ihn verantwortlich sind und ihn mit Leben füllen. Zentrale Figur ist die Schulleitung. Entscheidend ist ein kollegialer Führungsstil sowie eine partizipative Haltung. Letztere beschreiben Straßburger/Rieger (2019, S. 60-73) in sieben Leitsätzen genauer:

  • Interaktive Prozesse erfordern Flexibilität.
  • Es verlangt Risikobereitschaft, um auf die Lebensexpertise zu vertrauen.
  • Partizipative Prozesse erfordern Geduld.
  • Aufrichtiges Interesse öffnet den Blick für Besonderheiten und Stärken.
  • Den subjektiven Sinn einer Handlung zu begreifen, schafft die Basis für Kooperation.
  • Wer zwischen einem Menschen und seinem Verhalten unterscheidet, kann auch in schwierigen Situationen mit ihm in Verbindung bleiben.
  • Wer es für natürlich hält, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, stellt sich nicht über andere.

Auch das Kollegium stellt einen wichtigen Dreh- und Angelpunkt für das gemeinsame Vorankommen dar. Der partizipative Prozess beginnt, wenn Lehrkräfte durch Aushandlungsgespräche Raum für den Austausch von Erfahrungen und Befürchtungen bekommen und sich bewusst machen, was das Schulentwicklungsvorhaben beinhaltet und vom Einzelnen fordert.

In Hinblick auf Partizipation ist das in erster Linie Offenheit und Flexibilität, sich auf neues und ungewohntes Terrain zu begeben sowie die Bereitschaft, in einzelnen Bereichen auf die Lebensexpertise der Kinder zu vertrauen und die Kontrolle bis zu einem gewissen Grad abzugeben.

Hier braucht es eine lernende Haltung, die sich durch Zuhören und Nachfragen statt durch Belehren und Besserwissen ausdrückt.

Dabei kann auch das Scheitern in einem geschützten Rahmen eine wertvolle Erfahrung für Schülerinnen und Schüler sein und sie lehren, bei Misserfolgen nicht gleich aufzugeben, sondern gemeinsam neue und alternative Wege zu suchen. Dafür sollten Lehrkräfte bzw. Schulleiterinnen und Schulleiter Raum geben.

Es braucht außerdem die Bereitschaft, Akutem den Vorrang vor Geplantem zu geben und sich auf Prozesse einzulassen, die nicht im Detail vorauszusehen sind.

Partizipation stellt einen lebendigen und ergebnisoffenen Prozess dar, wenn sie mit der entsprechenden Haltung verstanden und gelebt wird. Um sich nicht ungerichtet von der Bewegung mitreißen zu lassen, sind Kriterien wichtig, anhand derer die Prozessqualität von Partizipation gemessen und überprüft werden kann und die die Verantwortlichen zusammen festlegen und kennen sollten.

Personalentwicklung

Es sollte den Kolleginnen und Kollegen bewusst sein, dass Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hospitation und eine flankierende thematische Weiterbildung, Teil des Weges sind. Neben der Aneignung von Wissen geht es hier vor allem um das Kennenlernen von Methoden und Verfahren, die Beteiligung heterogener Gruppen ermöglichen.

Kinder brauchen Demokratiekompetenzen, um sich beteiligen und Verantwortung übernehmen zu können. Sie üben diese aber bei der Teilhabe an partizipativen Prozessen auch immer mit ein. Partizipation fordert und fördert somit Demokratiekompetenz.

Anna Mauz und Markus Gloe stellen in ihrer Veröffentlichung „Demokratiekompetenz bei Service-Learning“ ein hilfreiches Kompetenzmodell vor, welches die zentralen Kompetenzen beschreibt, die neben den grundlegenden Basiskompetenzen für Partizipation an Schule notwendig sind.

Demokratiekompetenzen

Einstellungen und Werte

  • Anerkennung von Vielfalt und Gleichwertigkeit
  • Anerkennung demokratischer Prinzipien und Werte
  • Toleranz für Mehrdeutigkeit und Unsicherheit
  • Soziales Verantwortungsbewusstsein

Praktische Handlungsfähigkeiten

  • Perspektivübernahme und Empathie
  • Selbstwirksamkeit
  • Partizipationsfähigkeit und -bereitschaft
  • Konflikt- und Dialogfähigkeit

Wissen und kritisches Denken

  • Reflektierte Selbsterkenntnis
  • Demokratiekonzepte
  • Informierte Offenheit und analytische Denkweise

Wissen um Beteiligungsmöglichkeiten

Nachdem Grundschülerinnen und Grundschüler ihre Rechte und Beteiligungsmöglichkeiten nicht kennen, ist es zentral, dass Lehrkräfte und Schulleitungen sie darüber aufklären. Auch die Inhalte, Grenzen und Formen von Beteiligung sollten in kindgerechter und verständlicher Form vermittelt werden. Eine hilfreiche Methode kann hier beispielsweise die Demokratie-Ampel sein.

  • wertschätzende, offene und fehlerfreundliche Atmosphäre: In einem Prozess, der sehr viel auf Austausch und Kommunikation setzt, ist es wichtig, dass sich jede und jeder die eigene Meinung in angemessener Weise zu sagen traut, ohne mit Konsequenzen oder Sanktionen rechnen zu müssen.
  • Transparenz: Die Strukturen und der Ablauf von Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse an der Schule sollten für alle schulischen Akteurinnen und Akteure nachzulesen sein und regelmäßig und nachvollziehbar kommuniziert werden, vor allem in Hinblick darauf, ob eine Beteiligung daran offensteht.
  • Heterogenität als Ressource: Partizipation schließt Vielstimmigkeit und Kontroversen mit ein. Hier ist ein sensibler Umgang mit Diversität in jeglicher Form ein zentraler Gelingensfaktor, sowie die Haltung, dass Vielfalt nicht nur eine Herausforderung darstellt, sondern einen Mehrwert bei der Ideen- und Lösungsfindung schafft.
  • lebendige Schulkultur: Die Identifikation mit der Schule und ein Wir-Gefühl innerhalb der Schulgemeinschaft fördert die Bereitschaft zu Partizipation maßgeblich. Das Schulleben bietet viele Anlässe, sich zu begegnen, zu feiern und bei Projekten und Aktionen zusammenzuarbeiten. Dieses Miteinander birgt die Chance, unentdeckte Stärken Einzelner außerhalb des Kontextes von Unterricht kennenzulernen.
  • Expertise von außen: Die Kooperation mit Eltern ist gerade in der Grundschule entscheidend. Sie bringen als Expertinnen und Experten für ihre Kinder und mit ihren vielfältigen professionellen und persönlichen Hintergründen viele Ressourcen und Ideen mit, die das Schulleben auf vielen Gebieten bereichern können.
  • Raum und Ausstattung: Wenn Beteiligung über SMV und Gremienarbeit strukturell implementiert werden soll, haben auch räumliche Ressourcen (Aula, Gruppenräume, SMV-Zimmer)  und entsprechende Ausstattung (z. B. digitale Pinnwände, Whiteboards, Mikrophone) Auswirkungen auf das Gelingen von Beteiligung. 

Literatur