Mitbestimmen. Mitgestalten. Schule nachhaltig entwickeln.
Abschlussveranstaltung des Pilotprojekts „Prozessbegleitung zu Bildung für nachhaltige Entwicklung an bayerischen Schulen“
München, 10. Juli – Wie gelingt es, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) dauerhaft im Schulleben zu verankern? Welche Rolle spielt Partizipation, wenn Schule zukunftsfähig gestaltet werden soll? Antworten auf diese Fragen standen im Mittelpunkt der Fachtagung „Mitbestimmen. Mitgestalten. Schule nachhaltig entwickeln.“, zu der das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) die Vertreterinnen und Vertreter der 24 Pilotschulen des Projekts „Prozessbegleitung zu Bildung für nachhaltige Entwicklung an bayerischen Schulen“ eingeladen hatte.
Die Veranstaltung markierte den erfolgreichen Abschluss eines zweijährigen Pilotprojekts und machte zugleich deutlich: Nachhaltige Schulentwicklung lebt vom Engagement der gesamten Schulfamilie. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte sowie Schulleitungen gestalten Veränderungsprozesse gemeinsam mit Unterstützung durch das BNE-Team/SEM-Tandem – und schaffen so eine Schule, die Verantwortung übernimmt, Beteiligung ermöglicht und Zukunft aktiv gestaltet.
Im Mittelpunkt der Fachtagung stand deshalb die Partizipation – ein zentrales Qualitätsmerkmal und Indikator einer gelingenden Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wo Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Schulleitungen und weitere Mitglieder der Schulfamilie Schule gemeinsam gestalten, entstehen Räume für Verantwortung, demokratisches Handeln und innovative Ideen. Partizipation stärkt nicht nur die Schulgemeinschaft, sondern fördert auch jene Zukunftskompetenzen, die junge Menschen benötigen, um eine sich wandelnde Welt verantwortungsvoll und aktiv mitzugestalten.
Schule als Möglichkeitsraum für transformatives Lernen
Mit seinem Impulsvortrag „Schule als Möglichkeitsraum für transformatives Lernen“ eröffnete Univ.-Prof. Dr. Fabian Pettig von der Universität Graz neue Perspektiven auf die Rolle von Schule in einer sich wandelnden Welt. Er machte deutlich, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung weit über die Vermittlung von Wissen hinausgeht: Sie eröffnet Lernräume, in denen Schülerinnen und Schüler Zukunft mitdenken, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen können. Transformatives Lernen bedeutet dabei, bestehende Denk- und Handlungsmuster zu reflektieren, gemeinsam neue Lösungswege zu entwickeln und die Fähigkeit zu stärken, gesellschaftliche Veränderungsprozesse aktiv mitzugestalten. Im anschließenden Austausch wurde deutlich, wie Schulen Lernorte werden können, an denen junge Menschen Zukunftskompetenzen entwickeln und erleben, dass ihre Ideen und ihr Handeln einen Unterschied machen.
Impulse für eine partizipative Schulentwicklung
MRin Juliane Stubenrauch-Böhme würdigte das Engagement der beteiligten Pilotschulen sowie der Schulentwicklungsmoderatorinnen bzw. -moderatoren und der BNE-Beraterinnen bzw. BNE-Berater, die die Schulen im Prozess in den beiden vergangenen Schuljahren begleitet haben.
Gemeinsam stimmten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Fachtag ein.
Der Fachvortrag lieferte eine wertvolle Grundlage für den weiteren Austausch am Fachtag. Der Fachvortrag zeigte, wie Lernräume entstehen, die Veränderung, Teilhabe und Zukunftskompetenzen fördern.
Wie gelingt demokratische Mitbestimmung im Schulalltag? Der Workshop zeigte am Beispiel der Realschule Gmund (Tegernsee), wie ein Schülerparlament Partizipation stärkt, Verantwortung fördert und welche Chancen sowie Herausforderungen sich in der schulischen Praxis ergeben.
Wie kann Schülerpartizipation im Schulalltag gelingen? Der Workshop lud die Teilnehmenden dazu ein, konkrete Stellschrauben im eigenen Schulalltag zu identifizieren und praxisnah Wege zu entwickeln, Mitbestimmung und demokratische Teilhabe nachhaltig zu stärken.
Wie entstehen Freiräume für zeitgemäßes Lernen und Schulentwicklung? Die projektbetreuenden Lehrkräfte zeigten am Beispiel der KreaTeamZeit des Max-Josef-Stift München, wie durch flexible Zeitstrukturen kollaboratives Arbeiten, kreative Lernprozesse und Schülerpartizipation gestärkt werden.
Der Workshop der Wirkstatt Nachhaltigkeit vermittelte Lehrkräften den Design-Thinking-Ansatz als kreatives Werkzeug für die Entwicklung nachhaltiger Lösungen und zeigte praxisnah, wie neue Perspektiven für Unterricht und Schulentwicklung entstehen können.
Der Workshop zur BNE-Box der LMU zeigte Lehrkräften praxisnah, wie die Materialien und Methoden der Box im Unterricht eingesetzt werden können. Die Teilnehmenden erprobten eine Methode und erhielten Impulse, wie die BNE-Box die Planung und Gestaltung von Bildung für nachhaltige Entwicklung im Schulalltag unterstützen kann.
Der Workshop zu „Lernen durch Engagement“ zeigte Lehrkräften, wie fachliches Lernen mit gesellschaftlichem Engagement verbunden werden kann. Die Teilnehmenden erhielten praxisnahe Impulse, wie die Methode Schülerinnen und Schüler in ihrer Selbstwirksamkeit stärkt, Resilienz fördert und sie dazu befähigt, auch in herausfordernden Zeiten aktiv Verantwortung zu übernehmen und ihre Lebenswelt mitzugestalten.
Der Workshop zum Schulversuch MIT! zeigte praxisnah, wie Partizipation in der Grundschule als Teil einer demokratischen Schulentwicklung gestaltet werden kann. Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in erprobte Ansätze und Impulse, wie Kinder in der Grundschule aktiv beteiligt, demokratische Kompetenzen gefördert und Mitgestaltung nachhaltig im Schulalltag verankert werden können.
Die Lernissage „10 Schritte zur Klimaschule Bayern“ lud die Teilnehmenden ein, den Weg zur Klimaschule an verschiedenen Stationen praxisnah zu erkunden. Mit Hilfestellungen, Materialien und konkreten Impulsen konnten sie die einzelnen Schritte der Klimaschulentwicklung nachvollziehen und Anregungen für die Umsetzung im eigenen Schulalltag gewinnen.
Der Stand zur Klimawaage lud die Teilnehmenden zum eigenen Ausprobieren ein und bot Informationsmaterial rund um den Einsatz des Materials. So konnten sie die Funktionsweise kennenlernen und Impulse für die anschauliche Vermittlung von Klimabewusstsein und nachhaltigem Handeln im Schulalltag gewinnen.
Die Austauschphasen zwischendurch boten den Teilnehmenden Raum, Erfahrungen zu teilen, Perspektiven auszutauschen und gemeinsam über Möglichkeiten zur Weiterentwicklung von Unterricht und Schulalltag zu reflektieren.
Die Realschule Poing präsentierte ihr als Hochbeet gestaltetes BNE-Leitbild, in dem Projekte und Maßnahmen zur Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung visualisiert wurden. Die Darstellung lud die Teilnehmenden zur Reflexion darüber ein, welche Ideen und Ansätze sie für ihren eigenen Zukunftsgarten und die nachhaltige Schulentwicklung aus dem Prozess und der Fachtagung mitnehmen können.
Besonders praxisnah wurde es am Nachmittag: In zahlreichen Workshops stellten Schulen, Hochschulen, Stiftungen und Beratungsnetzwerke ihre Erfahrungen mit partizipativer Schulentwicklung vor. Die Themen reichten von Schülerparlamenten und demokratischen Beteiligungsformen über Leitbildentwicklung und Design Thinking bis hin zu Lernen durch Engagement, Klimaschule, innovativen Unterrichtsprojekten und der Verankerung von BNE in der Lehrkräftebildung im Rahmen des neuen Erweiterungsfachs „Bildung für nachhaltige Entwicklung (LPO I)“. Die Vielfalt der Beispiele zeigte eindrucksvoll, wie unterschiedlich Schulen den Weg zu mehr Mitgestaltung beschreiten – und wie viel voneinander gelernt werden kann.
Im Mittelpunkt der Fachtagung standen jedoch nicht nur fachliche Impulse, sondern vor allem die Menschen, die den Pilot in den vergangenen zwei Schuljahren mit Leben gefüllt haben. Die teilnehmenden Schulen wurden entsprechend ihrer individuellen Ausgangslage von einem Tandem aus Schulentwicklungsmoderation und Prozessbegleitung sowie fachlicher BNE-Beratung begleitet. Dabei entstanden passgenaue Entwicklungsprozesse: Schulen integrierten BNE in ihre Leitbilder, entwickelten ein gemeinsames Verständnis nachhaltiger Bildung, gestalteten pädagogische Nachmittage, arbeiteten an konkreten Zielsetzungen und Maßnahmen oder ließen sich auf dem Weg zur Auszeichnung als „Umweltschule in Europa“ oder „Klimaschule Bayern“ begleiten.
„Nachhaltige Schulentwicklung gelingt besonders dort, wo fachliche Expertise, strukturierte Prozessbegleitung und das Engagement der Schulgemeinschaft zusammenkommen.“
Die Erfahrungen des Pilotprojekts zeigen eindrucksvoll, dass nachhaltige Schulentwicklung dort besonders wirksam gelingt, wo fachliche Expertise, strukturierte Prozessbegleitung und das Engagement der Schulgemeinschaft zusammenkommen. Die enge Zusammenarbeit von Schulentwicklungsmoderation im Sinne einer Prozessbegleitung sowie BNE-Beratung eröffnete den Schulen den Freiraum, ihre eigenen Entwicklungsziele herauszuarbeiten, zu verfolgen und tragfähige Lösungen für ihre jeweiligen Rahmenbedingungen zu entwickeln.
Die Abschlussveranstaltung machte deutlich: Bildung für nachhaltige Entwicklung ist weit mehr als ein Unterrichtsthema. Sie ist ein gemeinsamer Schulentwicklungsprozess, der von Beteiligung, Verantwortung und Zusammenarbeit lebt. Die im Pilotprojekt gewonnenen Erfahrungen bilden deshalb eine wertvolle Grundlage für die weitere Verankerung von BNE an bayerischen Schulen und setzen Impulse für eine Schule, die Zukunft gemeinsam gestaltet.
Bilder: Cornelia Euringer-Klose/Martin Wagner